„Ein kleiner Kern bleibt immer fremd“ – Expat Interview mit Jonna von expatmamas

Yeah! Heute gibt es ein neues (Ex-) Expat Interview für Euch! Mit Jonna – Kinderbuchautorin und Gründerin von expatmamas – die ich Euch vor ein paar Wochen hier bereits kurz vorgestellt habe. Jonna hat mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern vier Jahre in England gelebt – zu einer Zeit, in der es noch kein Facebook, WhatsApp oder ein verlässliches Mobilfunknetz gab. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland hat Jonna nicht nur expatmamas ins Leben gerufen, sondern auch ein Buch über ihre Expat-Zeit geschrieben. Sehr lesenswert, insbesondere für alle Expat-Mütter mit kleinen Kindern! In ihrem Interview erzählt uns Jonna mehr über expatmamas, das Wiedereinleben in Deutschland und die Suche nach einem neuen Job. Viel Spaß beim Lesen!

Expat Interview mit Jonna

Liebe Jonna, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, mir und meinen Lesern von Deiner Expat-Zeit zu erzählen. Wo lebst Du jetzt, wo hast Du Deine Auslandszeit verbracht?
Ich lebe mit meinem Mann und zwei Kindern (9 und 10) in Stuttgart. Hierher kamen wir vor 6 Jahren nach unserer Rückkehr nach Deutschland. Von 2005 bis 2009 haben wir in den englischen Midlands gelebt, im Dreieck zwischen Birmingham, Cambridge und Northampton.

Du bist die Gründerin von expatmamas.de, eine Webseite von und für deutschsprachige Expat-Frauen auf der ganzen Welt. Warum hast Du diese Plattform ins Leben gerufen?
Als wir nach Deutschland zurückkamen, wurde ich am Anfang viel gefragt: Wie war es? Was hat dir gefallen? Was hat dir gefehlt? Gerade über die letzte Frage habe ich viel nachgedacht. Mir wurde klar, dass mir vor allem der Austausch gefehlt hat mit Menschen, die eine ähnliche Lebenserfahrung teilen. Wir lebten in England mitten unter Einheimischen, es gab keine Expat-Community weit und breit. Das machte es für uns einerseits sehr attraktiv, denn wir wollten das richtige englische Leben. Der Preis dafür ist andererseits, dass man sich alles selbst erschließen muss, es gibt niemanden, der schon seit ein paar Jahren da ist und dir sagt: Pass mal auf. Das läuft hier so und so.
Es war eine Zeit noch vor Facebook, Blogs & Co. Ich hätte nicht mal online viel erfahren (und kam auch gar nicht auf die Idee dort zu suchen). Freunde daheim helfen in dieser Situation auch nicht viel weiter, denn sie können sich nur schwer in deine Lebensumstände hineindenken. Ich hab mich viel allein (gelassen) gefühlt. Wieder in Deutschland dachte ich, Mensch, da gibt es doch im Netz inzwischen bestimmt eine Community, die gibt es doch für alles. Aber ich habe nichts gefunden, was mich angesprochen hätte. Also dachte ich: Dann mach ich das selbst. Und es wäre toll, wenn andere nicht nur von meinen Erfahrungen, sondern den Erfahrungen vieler überall auf der Welt profitieren könnten. Rund um den Globus ergeht es Frauen täglich ähnlich im fremden Alltag und es tut ungemein gut, davon zu lesen. Skurriles, über das man zusammen lachen kann und auch Ärgerliches, zu dem man sagen kann: Sieh an, ich bin nicht die einzige. Dann geht es doch schon meistens besser. Mein Traum wäre, wenn tatsächlich eines Tages alle Länder auf expatmamas vertreten wären und viele Kommentare die einzelnen Themen spezifizieren würden.

Machst Du Expatmamas (haupt)beruflich?
Das kommt darauf an, was man damit meint. Schaut man auf die Einkommensseite, dann ist es wohl nur ein Hobby; was die Arbeitstage angeht mindestens ein Teilzeitjob. Ich selbst sehe die Arbeit für expatmamas als professionelle Aufgabe und Teil meiner freiberuflichen Tätigkeit als Autorin. Leider kommt das Bücherschreiben im Moment etwas zu kurz.

Du hast mehrere Jahre mit Deinem Mann und Deinen Kindern in England gelebt. Gibt es etwas, was Du immer noch vermisst, wenn Du an Deine Zeit in England denkst?
Die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit der Menschen im Alltag.

Woran musstest Du Dich in Deutschland erst wieder gewöhnen?
Dass man auf offener Straße angeschnauzt wird, wenn die Kinder heulen, weil der Lolli in den Dreck gefallen ist; dass es den Deutschen schrecklich viel ums Recht haben geht – am schlimmsten sind die Autofahrer; dass man erst seit kurzem hier Lebensmittel online kaufen und liefern lassen kann.

Und wie lange hat es damals gedauert, bis Du Dich in Deutschland wieder zuhause gefühlt hast?
Schwer zu sagen. Direkt nach der Ankunft hätte ich gesagt: Wieso? Sofort. Der Schwatz mit den Nachbarn, der Bäcker, das Wetter – alles trug seinen Teil dazu bei. Dann kam der Kindergarten, die deutschen Erzieherinnen und ich hab mich gefühlt, wie auf einem anderen Stern. Ich hab geredet und keiner hat mich verstanden. Im zweiten Jahr haben wir uns alle neu zurecht gerüttelt, aber ein kleiner Kern bleibt immer fremd, weil man Deutschland mit anderen Augen sieht als zuvor.

Deine Kinder sind jetzt 9 und 10 – sprechen und lesen sie noch Englisch?
Am Anfang war Englisch noch die Spielsprache der Kinder untereinander. Das war aber mit dem Beginn des Kindergartens schnell zu Ende. Englische Bücher lesen wir noch heute, aber dass ich auf einmal daheim mit den Kindern englisch gesprochen hätte, hätte ich merkwürdig gefunden. Ich habe mit ihnen ja immer deutsch geredet außer außerhalb der eigenen vier Wände. In den ersten zwei Jahren sind die Kinder noch jede Woche zu einer Engländerin zum Spielen gegangen, quasi zwei Stunden Privatunterricht, damit sie ein bisschen Gelegenheit hatten zu sprechen.

Und wie ist es jetzt in der Schule?
In der Grundschule hatten wir die Wahl zwischen Englisch oder Französisch ab Klasse 1. Wir haben uns ohne zu zögern für Französisch entschieden, denn das, was sie in vier Grundschuljahren auf Englisch lernen, konnten sie längst (oder sogar mehr), obwohl unsere Kinder bei unserer Rückkehr erst 3 und 4 Jahre alt waren. Meine Tochter hatte in Klasse 5 Englisch als erste Fremdsprache und war trotz der vier Jahre Grundschulfranzösisch ihren Klassenkameraden im Englischen voraus. Beiden Kindern fällt Sprachen lernen leicht, auch wenn mein Sohn sein Talent sicher im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich hat. Ich denke, das ist der frühen Zweisprachigkeit zu verdanken.

Expat Interview Jonna expatmamas

Nun kommen wir zu Dir, liebe Jonna. War es schwierig für Dich, einen Job zu finden – nach dem langen Auslandsaufenthalt, als Mama von zwei kleinen Kindern und promoviert bist Du noch dazu?
Das war eine bittere Erfahrung. Vor unserer Englandzeit war ich im offiziellen Promotionsprogramm meines Arbeitgebers. Dann kam Baby Nummer 1, England und dort Baby Nr. 2. Ich war in Elternzeit auf der Insel und musste aus der Ferne mit ansehen, wie umstrukturiert wurde. Als ich dann promoviert und mit meinem aufgefrischten British-English wieder nach Deutschland kam, ging es keine Minute darum, wofür ich jetzt in der neuen Struktur qualifiziert sein könnte, sondern nur noch darum, wie man mich schnell los wird. Ich bekam unfreundliche Anrufe von der HR-Abteilung und einschüchternde Briefe von großkopfigen Kanzleien. Am Ende speisten sie mich mit einem müden Obulus im knapp vierstelligen Bereich ab und meine Kinder haben die heulende Mama getröstet.

Aus eigenem Interesse würde ich gerne wissen, welche Rolle Dein Doktor-Titel bei der Jobsuche spielt. Bringt Dir der Titel irgendetwas oder siehst Du ihn eher als Hindernis?
Das ist schwer zu sagen. Man bekommt ja selten direktes Feedback. Bei meiner Suche nach einem Teilzeitjob war er sicherlich ein Klotz am Bein. Dauerhafte Teilzeit mit Titel nimmt dir keiner ab. Jeder befürchtet, dass du sofort abspringst, wenn du was „Richtiges“ gefunden hast. Außerdem ist man zu teuer. Direkt gesagt hat das zwar keiner, aber ich denke, ich kann zwischen den Zeilen lesen. Ich hab das Thema auch schnell ad acta gelegt (vielleicht zu schnell) und mich darauf gestürzt, was Neues zu machen (expatmamas) und meine Liebe zum Schreiben aufleben zu lassen. Vielleicht hilft der Titel im Impressum eines Tages, um Kooperationspartner zu gewinnen; um Expat-Mütter anzusprechen wohl weniger und beim Kinderbuchschreiben gar nicht. Im Alltag verwende ich ihn nur für böse Briefe an Banken. ;-)

Würdest Du wieder ins Ausland gehen?
Sicher könnte es wieder ein Angebot geben. Allerdings merke ich, dass ich unflexibler werde. Wir haben im letzten Jahr unser Traumhaus gekauft. Endlich lebe ich so, wie ich es mir vorgestellt habe, kann alles so gestalten, wie ich mich wohlfühle. Da merke ich, dass ich manchmal müde werde, mich anzupassen, keine Lust mehr auf Kompromisse habe. Meine Tochter ist im Gymnasium zum ersten Mal richtig glücklich in Deutschland. Das eine Kindergartenjahr und die Grundschulzeit waren sehr schwer für sie, weil sie die ganze Zeit unterfordert war. Für meinen Sohn steht der Schulwechsel nächstes Jahr an. Das kann man einerseits für einen guten Zeitpunkt halten, andererseits werden natürlich Weichen gestellt, wie es für ihn weitergeht. Und mein Mann? Er hat zehn Jahre seiner Laufbahn im Ausland u.a. in den USA verbracht, er ist leichter zu begeistern.

Liebe Jonna, vielen Dank für Deine ausführlichen Antworten und viel Erfolg weiterhin mit expatmamas und Deinen Buch-Projekten!

Photo Credit: privat

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2 comments

  1. Sylke says:

    Hallo Tina,
    ich als nicht Expatwoman lese trotzdem Deine Artikel und Interviews zu gerne.
    Sicherlich auch mit ein klein wenig Neid.
    Lieben Dank für die tollen Beiträge
    Sylke

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