Heute stelle ich Euch meine Freundin Sarah vor, mit der ich vier wunderschöne Jahre in Chattanooga verbracht habe. Ab August werden wir auf zwei verschiedenen Kontinenten leben, denn Sarah kehrt mit ihrer Familie nach Deutschland zurück. Wie es ist, in den USA zwei Kinder zu bekommen und aus der Ferne Haus und Kindergarten in Deutschland zu suchen, erzählt Euch Sarah in diesem Interview. Viel Spaß beim Lesen! Und ja, ich werde Sarah sehr vermissen…

Expat Interview mit SarahSarah, vor vier Jahren bist Du in die USA gezogen. Damals warst Du hochschwanger mit Deinem ersten Kind. War das für Dich schwierig?
Um ehrlich zu sein, bin ich im Nachhinein noch überrascht, wie ruhig ich geblieben bin. Immerhin sind wir kurz vor dem Termin ins Ausland gegangen, hatten keine Ahnung vom Krankensystem oder ob es Hebammen geben würde. Auch mein Mann hat mir später noch öfter gesagt, dass ihn meine Entspanntheit damals überrascht hat. Vielleicht waren es die Hormone? Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, aber irgendwie habe ich mir auch immer gesagt: „Leute kriegen überall Kinder, dann schaffe ich das jetzt hier in Amerika auch.“

Kanntest Du vorher schon jemanden, der Dir hier geholfen hat?
Kontakt zu anderen Expat-Frauen hatte ich nicht. Ich habe in Deutschland aber schon nach Hebammen und Geburtsvorbereitungskursen recherchiert und bin dann auf die doulas gestoßen. Das sind Geburtshelferinnen. Mit einer doula habe ich noch aus Deutschland einen Termin vereinbart und wir haben uns dann gleich in der ersten Woche mit ihr getroffen. Wir wussten ja gar nichts und sie hat uns dann zum Beispiel einen Arzt bzw. eine midwife empfohlen. Das hat mir sehr geholfen, ich wusste, dass sie mich begleiten wird, und ich jemanden hatte, den ich immer fragen kann. Später hab ich über meine midwife eine deutsche Expat-Hebamme kennengelernt, die ganz klassisch in Deutschland ausgebildet war. Genauso wie ich hatte sie ihren Mann in die USA begleitet, durfte aber nicht arbeiten. Sie hat die Nachsorge übernommen, hat unsere Tochter regelmäßig gewogen und uns bei alltäglichen Fragen geholfen. Sie war ein wahrer Segen, denn die Unterstützung in den Wochen nach der (ersten!) Geburt ist wirklich unbezahlbar. Diese Form der Nachsorge gibt es hier gar nicht und dabei ist sie so wichtig!

Mitte August geht es für Euch nun zurück nach Deutschland. Aber im Gegensatz zu allen anderen Expat-Frauen, die ich bislang auf dem Blog vorgestellt habe, geht Ihr nicht zurück in Euer eigenes Haus und auch nicht zurück in die gleiche Stadt, in der Ihr vorher gelebt habt.
Ganz genau. Mein Mann und ich haben vor dem Auslandsaufenthalt auch gar nicht zusammengelebt. Ich habe in Hamburg gewohnt; mein Mann ist zwischen Bremen, Bayern und Hamburg gependelt. Das haben wir drei Jahre gemacht, bis das Amerika-Angebot kam. Wir sind also hier in Chattanooga das erste Mal zusammengezogen. Ein großer Versuch, der zum Glück geklappt hat! In Deutschland fangen wir ganz neu an. Neue Stadt, neues Haus, neue Heimat.

Würdest Du gerne länger bleiben?
Wir haben uns bewusst entschieden, jetzt nach vier Jahren zurück zu gehen. Deshalb ist es in Ordnung. Aber es wird mir sehr schwer fallen zu gehen. Dafür gibt es unglaublich viele Gründe: Chattanooga ist unsere Heimat geworden, wir hatten unsere erste gemeinsame Wohnung, unser erstes Haus, haben hier zwei Kinder bekommen, neue Freunde kennengelernt – wir haben uns das erste richtige gemeinsame Leben aufgebaut. Man braucht ja auch so seine Zeit, bis man überhaupt ankommt und sich Zuhause fühlt. Nach zwei Jahren war ich noch nicht angekommen. Da war mir Chattanooga noch gar nicht so ans Herz gewachsen. Aber gerade die letzten beiden Jahre haben ganz viel Nähe gebracht.

Ich freue mich aber auch auf Deutschland. Ich kann meine Freunde wieder öfter sehen, mal für ein Mädels-Wochenende nach Hamburg fahren, mehr am Leben von Freunden und Familie in Deutschland teilnehmen. Dabei sein und nicht nur Fotos anschauen.

Und was wirst Du vermissen?

  • Die Leichtigkeit, Freiheit und Offenheit der Menschen: Keiner ist gehetzt. Jeder hat ein freundliches Wort für sein Gegenüber. Ich hoffe, dass ich mir diesen unbeschwerten Umgang miteinander bewahren kann und mit Leuten quatsche, wenn ich Lust dazu habe – auch, wenn ich sie nicht kenne.
  • Meinen Good-Morning-Coffee im Farmer’s Daughter. Damit fing der Tag meist gut an.
  • Definitiv das Wetter und die Sonne. Die Sonnenstunden, die ich hier getankt habe, habe ich in meinem ganzen Leben nicht bekommen.
  • Den Kindergarten, der uns jetzt schon drei Jahre begleitet. Die Menschen dort sind mir alle sehr ans Herz gewachsen, mit manchen habe ich auch privat Freundschaften aufgebaut. Die Erzieher haben diese besondere Fähigkeit, Liebe und Interesse zu vermitteln. Sie kennen das Umfeld der Kinder, fragen jeden Tag, wie es einem geht und sind unglaublich kreativ mit den Kindern. Ich glaube, meine Kinder haben dort viel gelernt, auch im Umgang miteinander. Ich habe ja keine Erfahrung mit deutschen Kindergärten, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass das Interesse dort genauso groß ist. Da muss ich mich überraschen lassen.
  • Unsere Chattanooga-Freunde. Wir haben hier viel zusammen erlebt, haben Chatta gemeinsam erobert. Ein enges Mütter- und Freundenetz hat sich gespannt. Wir haben uns fast jede Woche gesehen, haben über die gleichen Nöte und Ängste gesprochen.
  • Die Bastelläden. Da gibt es so tolle Sachen, so viel Auswahl und dazu noch so günstig.

Expat Interview SarahGibt es etwas, wovor Du Angst hast oder was Dich nachts wach liegen lässt?
Richtig Angst habe ich nicht. Irgendwie findet sich schon alles. Ich bin zwar grundsätzlich hysterischer als mein Mann, aber ich versuche mir von ihm abzugucken, dass sich die Dinge mit der Zeit schon richten. Und ich habe ihn ja auch an meiner Seite. Aber natürlich gibt es viele Sachen, über die ich mir Gedanken mache. An erster Stelle stehen die Kinder. Gerade Jette, denn Levi ist noch zu klein, um alles mitzubekommen. Der Kindergarten z.B. war bislang Jettes Normalität. Da ist sie täglich hingegangen und der ist eine feste Konstante in ihrem Leben. Ich hoffe, dass wir bis zu unserer Rückkehr einen Kindergarten gefunden haben, denn ich möchte, dass sie schnell wieder anfängt, um neue Freunde zu finden. Das hilft ihr hoffentlich über den ersten Trennungsschmerz.

Und dann ist da natürlich die Hausfrage…

Wie sieht’s denn da aus? Im Gegensatz zu meinen anderen Interview-Partnern geht Ihr ja nicht zurück in Euer eigenes Haus, sondern müsst von hier aus in München ein Dach über dem Kopf finden!
Im Moment sieht es nicht so rosig aus. Es ist unglaublich schwierig, aus der Ferne was zu finden. Es ist nicht nur teuer, sondern durch unser Leben hier haben wir auch bestimmte Vorstellungen davon, wie wir gerne wohnen wollen.

Das heißt Ihr sucht jetzt im Internet. Oder habt Ihr auch einen Makler beauftragt?
Wir hatten ein paar Makler angeschrieben, aber keiner hat sich zurückgemeldet. Unsere einzige Quelle ist also das Internet. Die Schwierigkeit ist aber auch, dass die Häuser sehr kurzfristig zu mieten sind. Wenn wir für August ein Haus suchen, brauchen wir im April noch nicht zu gucken. Jetzt wird der Druck natürlich immer höher. Es sind nur noch wenige Monate, wir müssen eine ganze Familie unterkriegen und einen Kindergartenplatz bekommen. Aber wenn man keinen festen Wohnsitz hat, bekommt man auch keinen Kindergartenplatz.

Habt Ihr Euch trotzdem bei öffentlichen Kindergärten beworben?
Dort kann man eigentlich erst anfragen, wenn man in dem Einzugsbereich des Kindergartens wohnt. Wir haben uns bei vielen Einrichtungen im Frühling beworben, weil wir uns nicht vorwerfen wollten, es nicht versucht zu haben. Aber da wir keine Meldebestätigung vorlegen konnten, haben wir auch keinen Platz bekommen. Es hat auch keiner gesagt, dass wir uns im August nochmal melden sollen, wenn wir mehr wissen. Für Levi haben wir mit Hilfe der Firma einen Krippenplatz gefunden und Jette wird wohl in einen privaten zweisprachigen Kindergarten gehen.

Wie wirst Du Jette auf die Rückkehr vorbereiten?
Ich weiß es noch nicht. Wir haben gemerkt, dass bei Jette noch nicht so viel ankommt. Sie ist doch noch zu klein. Natürlich bekommt sie viel nebenbei mit, weil wir nichts verheimlichen. Wir unterhalten uns über die Haussituation und die Kindergärten, haben ihr das aber noch nicht ausführlich erklärt. Die Frage wird wahrscheinlich erst kommen, wenn wir in Deutschland sind.

Walnut Street Bridge Chattanooga

Was ist denn mit Dir? Typisch Mutter sprichst Du zuerst über die Kinder und die Familie. Was hast Du für persönliche Pläne?
Du hast Recht! Es ist schon krass, wie sich die Prioritäten verschieben. Mit zwei Kindern geht es plötzlich nicht mehr so sehr darum, was mit mir und meinem Job passiert. Jetzt geht es darum, ob meine Familie glücklich ist und alles andere kommt dann schon. Ich hätte vor einigen Jahren nicht gedacht, dass das mal so sein wird.

Das ändert sich ja wahrscheinlich wieder, wenn die Kinder älter sind. Irgendwann hat man wieder mehr Kapazitäten. Erzähl uns doch mal, was hast Du gemacht hast, bevor Du Kinder bekommen hast.
Ich habe Deutsch und Politik auf Lehramt studiert, mit dem Wissen, dass ich journalistisch oder im PR-Bereich arbeiten möchte. Nach dem Studium habe ich Volontariate gemacht und bei einer PR-Agentur in Hamburg drei Jahre in der Beratung gearbeitet. Bis wir hierher gegangen sind.

In den USA habe ich erst einmal Jette bekommen. Nach einem Jahr habe ich als volunteer bei der Southern Agency of Literature angefangen, um dort einen Einblick in die Bücherwelt zu bekommen. Später bin ich zur Chamber of Commerce gewechselt und durfte dort eine Reise nach Deutschland für die Mitglieder organisieren, die u.a. ihre Partner und das klassische Ausbildungssystem kennenlernen sollten. Das hat mir richtig Spaß gemacht, weil ich total eigenständig arbeiten konnte.

Zukünftig möchte ich gerne wieder arbeiten, aber nicht mehr in einer klassischen PR-Agentur. Ich hätte Lust auf den Bereich Verlag und Buch, aber da braucht man Erfahrung. Und damit fängt das Problem an. Anfang des Jahres habe ich ein Fernstudium angefangen, um meinen Kopf zu bewegen und weiterzukommen. Ich habe nach einem Studium ohne Präsenszeiten in Deutschland gesucht und mich für ein Marketing-Management-Studium entschieden, das von der Deutschen Akademie für Management angeboten wird. Das passt mit meinem Studium und meiner Berufserfahrung gut zusammen.

Wenn wir zurück in Deutschland sind, werde ich mich sicherlich bewerben. PR kann man ja in vielen Bereichen machen…

Hast Du feste Begriffe, die Du bei einer Jobsuchmaschine eingibst?
Ich suche in den Bereichen Verlag, Kommunikation, PR oder Stiftung. Also Bereiche, in denen ich auch inhaltlich arbeiten kann. Aber bislang war noch nicht so viel für mich dabei. Und wer nimmt einen nach vier Jahren Pause und ohne Vorerfahrung?

Verrätst Du uns zum Schluss noch Deine persönlichen Insider-Tipps für Chattanooga?

  • Farmer’s Daughter: super Kaffee, sehr kinderfreundlich. Du kannst draußen oder drinnen sitzen und die Kinder können rumlaufen. Am Wochenende gehen wir dort regelmäßig frühstücken. Unsere Kinder lieben die Pancakes!
  • Viel Zeit haben wir im Coolidge Park verbracht. Hier kann man Karussell fahren, mit dem Kinderwagen spazieren gehen oder sich im Sommer an den Wasser-Fontänen erfrischen. Auf unseren Spaziergängen sind wir oft bei der Ice Cream Show auf der anderen Seite der Walnut Street Bridge gelandet.
  • Zum Shoppen empfehle ich die Ecke rund um World Market und Michael’s und natürlich GAP für Kinderklamotten. Dazu noch die Outlet Malls, zum Beispiel in Atlanta und Calhoun.
  • Mein Lieblingsrestaurant ist das Il Primo. Da haben mein Mann und ich viele Abende verbracht. Es ist atmosphärisch nett und das Essen ist sehr lecker.

Farmers Daughter Chattanooga

Dein Expat-Tipp?
Wenn man die Möglichkeit bekommt ins Ausland zu gehen, sollte man es machen, aber nicht ohne sich halbwegs sicher zu sein, dass einem das Land entspricht. Es gibt Länder, zu denen ich mich nicht berufen fühlen würde. Aber Amerika ist ein Land, das zwar kulturell große Unterschiede hat, aber einem nicht so fremd ist.

Außerdem sollte man offen sein für alles. Das war ich zu wenig. Ein Grund dafür war sicherlich, dass ich zwei kleine Kinder hatte. Ich hatte nicht so viel Zeit, Neues anzugehen und ich gebe zu, dass ich mich damit auch gut eingerichtet habe. Ich hätte noch mehr machen können: Kurse, Fortbildungen, mehr in die Sprache eintauchen, mehr Leute kennenlernen. Das englische Sprachniveau, das andere haben, die hier zum Beispiel arbeiten oder viele amerikanische Freunde gefunden haben, habe ich nicht erreicht. Auch weil ich immer noch zu viel Kontakt zu Deutschen hatte.

Und wie sehen Deine letzten Monate aus?
Ich habe eine Einkaufsliste mit Sachen, die es in Deutschland nicht gibt oder die ich nicht so günstig bekomme. Schuhe zum Beispiel. Außerdem werde ich zusehen, dass möglichst viele Sachen aus dem Haus kommen. Ich werde ausmisten und viel an Goodwill spenden. Aber trotzdem möchte ich meinen Alltag und den Sommer noch genießen. Und alles Schöne bewusst mitnehmen!

Liebe Sarah, vielen Dank , dass Du uns so ehrlich und ausführlich über Deine Zeit als Expat-Wife in Chattanooga berichtet hast. Ich wünsche Dir, dass Du (mit mir) die letzten Wochen genießen kannst. Und vergiss nicht, so viele Sonnenstrahlen wie nur möglich zu tanken!

Update: Ein Haus haben Sarah und ihr Mann vor Kurzem gefunden – mit viel Glück und vor allem Schnelligkeit! Kaum war das Haus im Internet, haben Sarah und ihr Mann den Makler kontaktiert. Die Hausbesichtigung fand am nächsten Tag über Skype statt, im Anschluss daran haben sie sofort ihr Interesse bekundet und tatsächlich den Zuschlag bekommen. Eine Sorge weniger! Fehlt nur noch die Küche, die hoffentlich pünktlich zum Einzug geliefert und eingebaut wird. IKEA, zeig was Du kannst!

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